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Die Energie-Insel: Wie ein märkisches Dorf der globalen Krise trotzt

Während die Welt über Gaspreise, Abhängigkeiten und die Wärmewende streitet, herrscht in Feldheim (Brandenburg) gelassene Ruhe. Das kleine Dorf im Fläming ist das einzige in Deutschland, das sich komplett autark mit Strom und Wärme versorgt – über ein eigenes Netz. Ein Blick auf ein Modell, das zeigt, wie lokale Energieerzeugung nicht nur das Klima, sondern auch den Geldbeutel schont.

Wenn im Winter die Heizkostenabrechnungen in deutsche Briefkästen flattern, sorgt das bei vielen Bürgern für Schweißperlen auf der Stirn. Nicht so in Feldheim. Der Ortsteil der Stadt Treuenbrietzen mit seinen rund 130 Einwohnern ist ein gallisches Dorf der Energiewende. Hier ist die „Öl- und Gaskrise“ kein bedrohliches Szenario, sondern ein Phänomen, das man nur aus den Nachrichten kennt.

Autarkie durch den „Feldheimer Mix“

Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der konsequenten Nutzung dessen, was vor der Haustür liegt: Wind, Sonne und Biomasse. Feldheim produziert ein Vielfaches dessen, was es selbst verbraucht.

  • Windkraft: 55 Windkraftanlagen drehen sich auf der Gemarkung. Sie produzieren jährlich über 250 Millionen Kilowattstunden Strom.
  • Biogas: Eine lokale Biogasanlage, gefüttert mit Gülle und Mais der örtlichen Agrargenossenschaft, liefert rund um die Uhr Grundlaststrom und – was noch wichtiger ist – Wärme.
  • Solar: Ein Solarpark auf einem ehemaligen Militärgelände ergänzt den Mix.
  • Holzhackschnitzel: Für extrem kalte Tage springt ein Holzhackschnitzelheizwerk ein, das mit Holz aus heimischen Wäldern betrieben wird.

Das Geheimnis: Ein eigenes Netz

Die bloße Erzeugung von Ökostrom ist heute keine Seltenheit mehr. Das Besondere an Feldheim ist jedoch die Infrastruktur. Die Dorfgemeinschaft hat gemeinsam mit dem Projektentwickler Energiequelle GmbH ein eigenes Strom- und Nahwärmenetz gebaut.

Normalerweise machen die Netzentgelte und staatlichen Umlagen einen massiven Teil des Strompreises aus. Da die Feldheimer ihr eigenes Netz besitzen und betreiben, entfallen viele dieser Kosten. Das Dorf ist physisch vom öffentlichen Netz entkoppelt, auch wenn eine Notfallverbindung besteht.

Harte Fakten: Warum es im Portemonnaie klingelt

Die wirtschaftlichen Vorteile sind für die Bewohner unmittelbar spürbar. Während der bundesweite Durchschnittspreis für Strom in den letzten Jahren oft zwischen 35 und 45 Cent pro Kilowattstunde schwankte, zahlen die Feldheimer einen stabilen Preis, der deutlich darunter liegt (oft um die 12 bis 17 Cent).

Ähnlich sieht es bei der Wärme aus:

  1. Preisstabilität: Die Wärmepreise sind an die Erzeugungskosten vor Ort gekoppelt, nicht an den spekulativen Weltmarkt für Erdgas oder Heizöl.
  2. Wertschöpfung: Das Geld für Energie fließt nicht an internationale Konzerne, sondern bleibt in der Region. Die Agrargenossenschaft verdient an der Biogasanlage, lokale Arbeitsplätze werden gesichert.
  3. Investition: Jeder Haushalt, der sich am Wärmenetz beteiligte, leistete einmalig einen Baukostenzuschuss. Diese Investition hat sich angesichts der eingesparten Heizkosten längst amortisiert.

Krisenfestigkeit als Standortvorteil

Die „Energie-Resilienz“, wie Experten es nennen, macht das Dorf immun gegen geopolitische Verwerfungen. Als nach dem Angriff auf die Ukraine die Gaspreise explodierten, blieb die Heizung in Feldheim warm – ohne Preisanpassung.

„Wir wissen, wo unsere Energie herkommt, und wir wissen, was sie kostet“, sagt man im Dorf. Diese Planungssicherheit ist ein Luxusgut geworden. Zudem ist Feldheim durch einen riesigen Lithium-Ionen-Speicher (10 Megawatt Leistung) in der Lage, Schwankungen im Windstrom auszugleichen und das Netz zu stabilisieren.

Ein Modell für alle?

Feldheim ist heute ein Pilgerort. Jährlich besuchen Tausende Menschen aus aller Welt das „Neue-Energien-Forum“, um zu lernen, wie Autarkie funktioniert. Doch lässt sich das Modell einfach kopieren?

Ganz so leicht ist es nicht. Feldheim profitierte von einer einzigartigen Konstellation: Eine mutige Agrargenossenschaft, ein engagierter Bürgermeister und ein spezialisierter Projektentwickler zogen an einem Strang. Die größte Hürde in anderen Kommunen ist oft nicht die Technik, sondern die Bürokratie und das Eigentum an den Netzen.

Fazit

Feldheim beweist: Die Energiewende ist keine Last, sondern eine Chance auf Freiheit. Wer seine Energie lokal erzeugt und die Netze in eigener Hand behält, macht sich unabhängig von Diktatoren, Konzernen und Weltmarktpreisen. Das kleine Dorf in Brandenburg ist damit nicht nur ein Klimaschützer, sondern ein Vorbild für ökonomische Vernunft in unsicheren Zeiten.

© Redaktion Wochenblatt Energie 2026

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